Westfälische Nachrichten: “Wir dürfen die Briten nicht ziehen lassen”
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EU-Abgeordneter Dr. Markus Pieper zum „Brexit“

eh- WARENDORF. „Ich finde es klasse, dass Sie sich wieder mit dem Thema Europa beschäftigen“, sagte Dr. Markus Pieper gleich zu Beginn seines Vortrags. Und fügte hinzu: „Aber das ist auch das einzig Positive am Brexit“.

Der Europaabgeordnete war von der Volkshochschule und dem Freundeskreis Warendorf-Petersfield in den Sophiensaal eingeladen worden, um dort über ein ebenso brisantes wie aktuelles Thema zu sprechen: „Was das Ergebnis des Referendums zum Brexit für die EU bedeutet?“

Der Titel war ausdrücklich offen formuliert, denn als Pieper für den Auftakt der politisch-kulturellen Wochen „Germany meets Britain“ eingeladen worden war, stand das Ergebnis noch nicht fest. Seit dem 23. Juni ist nun klar, dass die Menschen im Vereinigten Königreich die EU verlassen wollen.

Pieper ist einer der 751 EU-Abgeordneten, die seit der britischen Abstimmung vor der Frage stehen, wie sie den Bürgern in ihrer Region erklären können, was in Brüssel, Straßburg und London gerade passiert und was ein „Brexit“ für die EU, aber auch für die Menschen in ihrer Heimat bedeutet. Seit 2004 ist er Europaabgeordneter der CDU für Nordrhein-Westfalen, er vertritt den CDU-Bezirksverband Münsterland. „Ich bin seit zwölf Jahren im Parlament, aber so ein Durcheinander habe ich noch nicht erlebt“,  gab er offen zu. Er nutzte den Abend, um einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen, vor allem aber um auf die Vorteile und die Errungenschaften der EU hinzuweisen

Zu den Kritikern der EU gehören seine eigenen Töchter. „Sie stellen kritische Fragen”, sagte er, „aber ich frage sie dann: Würdest du woanders leben wollen? Wir sind gesegnet, auf diesem Kontinent in Frieden und Freiheit zu leben. Und wirtschaftlich sind wir gut gefahren.”

Die Arbeit der EU gleiche einem Mosaik, das von den großen Ideen wie dem Schengen-Abkommen und der gemeinsamen Währung bis zu einem vereinheitlichten Verkehrsraum reiche. Damit Züge künftig ohne Lokwechsel über die Grenzen fahren können. Manchmal, so Pieper, treibe das aber komische Blüten, etwa wenn es um Gurken geht oder Glühbirnen. Dennoch: „Gerade diese Region ist einer der großen Profiteur der europäischen Idee.“ Als Mittelstandssprecher seiner Fraktion verwies er auf die Unternehmen im Münsterland. „Allein im Maschinenbau ist der Export in den vergangenen 15 Jahren um 500 Prozent gestiegen.“ Und er leitete über zu einem der größten Abnehmer dieser Exporte: Das Vereinigte Königreich.

Der „Brexit“ beschäftigte auch die Gäste in der anschließenden Fragerunde. „Einige sagen: Endlich ist der Flegel aus dem Haus”, sagte Pieper mit Blick auf den Brexit. Doch so einfach sei das nicht. „Die Briten waren oft ein unangenehmer Gesprächspartner und sie haben sich viele Extra-Würste gebraten. Aber sie haben auch häufig die richtigen Fragen gestellt.“ Pieper setzt sich für einen Verbleib der Briten in der EU ein. Denn: „Wir würden außenpolitisch geschwächt. Wir würden die drittgrößte Wirtschaftskraft in der EU verlieren und den zweitgrößten Nettozahler. Wir dürfen sie nicht ziehen lassen.“

Europa stehe vor der Herausforderung, sich in einer Welt mit immer mehr Menschen zu behaupten, die immer enger zusammenrückten. Das Ergebnis des Referendums habe gezeigt, dass die Briten an der Verlässlichkeit der EU zweifelten. „Deshalb brauchen wir eine Europäische Union, die mit weniger Kompetenzen mehr macht.“

 

 

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