NOZ: Jubelstürme und stille Freude: Am Lotter Kreuz löst sich ein Stau der Gefühle
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Lotte. Freude kann sich ausgelassen, aber auch ganz still Bahn brechen. Am Lotter Kreuz war am Sonntag nach dem Gewinn der Regionalliga-Meisterschaft die gesamte Gefühlspalette zu beobachten.

Seit 64 Jahren im Verein, hat Werner Faste alles mitgemacht, hat selbst gespielt, dem Verein als SPD-Ratsherr die Stange gehalten, gehört heute dem Ältestenrat an. „Endlich haben wir es geschafft“, macht er nicht viele Worte. Damit seine Rührung nicht spürbar wird, verlegt er sich aufs Schimpfen: „Aber die zweite Hälfte war schwach.“

Während Mannschaft und Funktionsträger auf dem Rasen tanzen und jubeln, geht ein Gottesmann still beglückt davon: „Zweite Halbzeit wurde es wieder eng, aber der Sieg ist hoch verdient“, lobt Pastor i.R. Rainer Ströver. Und zur Relegation? „Im Fußball ist alles möglich. Ich hoffe, dass dann eine ähnliche Stimmung ist wie heute.“

Am Rand des Spielgeschehens trifft sich auch Lotter Politprominenz. Stellvertretende Bürgermeisterin Helga Strübbe (SPD) ist in ihrem Element. Begeistert fiebert sie mit, schimpft über Fehlpässe und bejubelt das 1:0 für Lotte. „Gibt es hier keinen Fan-Shop? Ich möchte auch einen Sportfreunde-Schal“, fragt sie. Kein Fan-Shop, aber SFL-Vize Georg Holtgrewe hat so seine Quellen, sodass sich Neu-Fan Helga blau-weiß in Schale werfen kann.

Ein weiterer weiblicher Neu-Fan ist CDU-Bundestagskandidatin Anja Karliczek. Als sie in der Pause Personalmangel in der Cafeteria erkennt, übernimmt die Gastronomin aus Tecklenburg kurzerhand einen Zapfhahn. „Das Spiel hat richtig Spaß gemacht. Jetzt habe ich Blut geleckt. Am 2. Juni gegen Leipzig bin ich wieder da“, verrät sie aufgekratzt.

Ihr Parteifreund Markus Pieper aus Halen kann als häufigerer Besucher vergleichen: „Das war das schönste Spiel, das ich hier erlebt habe, die fantastischste Stimmung und das beste Ergebnis.“ Er habe schon mal die Flugverbindung von Brüssel nach Leipzig gecheckt, sagt der Europaabgeordnete. „Es könnte klappen.“

Staatsmännisch gibt sich Bürgermeister Rainer Lammers: „Herzlichen Glückwunsch an die Sportfreunde zu diesem Erfolg. Sie haben ihn sich redlich verdient. Ich danke allen Offiziellen, denn das ist für unsere Gemeinde wichtig.“ Doch dann kommt der Stammgast durch: „Zu Saisonbeginn hatte ich ja Zweifel. Jetzt freue ich mich riesig. Ich hoffe, dass sich das in der Relegation fortsetzt.“

SFL-Macher Manfred Wilke taucht nach dem Schlusspfiff erst mal unter. Die erste Halbzeit hatte er zwischen zwei lebenserfahrenen Frauen verbracht. Zwar sind Renate Friedrich und Auguste Westermann ohne Frage mitfiebernde SFL-Fans aber eben mit der Gelassenheit einiger Lebensjahrzehnte.

Das vorletzte Saisonspiel ist auch der Start einer Fan-Freundschaft zwischen Lotte und Hansa Rostock. Janine und Suse hatten fünfeinhalb Stunden mit der Regionalbahn von Rostock nach Osnabrück gebraucht und kamen mit dem Taxi zum Stadion. Sie sind sozusagen als Späher unterwegs, denn mit etlichen Hansa-Fans wollen sie am 2. Juni in Lotte die Sportfreunde beim Rückspiel gegen Leipzig unterstützen.

Suse bekennt zudem, ein großer Fan von Lottes Amir Shapourzadeh zu sein: „Der hat vorher in Rostock gespielt.“ Ihre Freundin Janine fotografiert sie mit dem Spieler. Renate Friedrich gefallen die beiden jungen Frauen auf Anhieb. „Wenn ihr wollt, könnt ihr bei mir schlafen im Juni. Dann ist es für euch entspannter“, lädt sie die Rostockerinnen ein. „Toll, nun ist sie doch wahr geworden, die Fan-Freundschaft mit Lotte“, sagt Janine. „Ja, und wir waren dabei, als Lotte Meister wurde“, ergänzt Suse. Beide haben Spiel und Meisterehrung sehr genossen.

Eine Stunde nach Abpfiff verabschieden sie sich von ihren neuen Freunden. Nach einer knapp halbstündigen Busfahrt zum Osnabrücker Bahnhof steigen sie gegen 19 Uhr wieder in den Regionalzug und fahren in die Hansestadt Rostock zurück. Wahre Fans geben eben alles.

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