Wochenblatt: IHK-Sommerempfang: ‚Großbritannien bleibt wichtig für die Wirtschaft‘
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Die Folgen des Brexits für die ostbayerische Exportwirtschaft und die Zukunft des europäischen Binnenmarkts beschäftigten rund 190 Gäste beim Sommerempfang Großbritannien in der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim.

Jaguar-Fahrzeuge, Whiskey-Tasting und Dudelsackmusik verbreiteten britisches Feeling. Kurzfristig abgesagt hatten aufgrund der aktuellen Lage Botschafter Sir Sebastian Wood und Generalkonsul Paul Heardman. IHK-Präsident Gerhard Witzany warb in seiner Begrüßung für ein Weiterleben der deutsch-britischen Partnerschaft. „Insbesondere die außenwirtschaftliche Verflechtung zwischen unseren beiden Ländern steht für eine unverwechselbare Erfolgsgeschichte.“ Es komme angesichts des Referendums darauf an, „weder in Hysterie noch in Schockstarre zu verfallen“.

Auf dem Podium diskutierte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes mit wichtigen Kennern der deutsch-britischen Beziehungen: Dr. Thomas Becker, der die Außenbeziehungen der BMW AG steuert, Dr. Ulrich Hoppe, der die Auslandshandelskammer in London leitet und der Europaabgeordnete Dr. Markus Pieper.

Kein schneller Austritt

Dass es zum schnellen Ausstieg Großbritanniens aus der EU kommen wird, bezweifeln alle Experten auf dem Podium. AHK-Experte Hoppe rechnet mit zweieinhalb Jahren, in denen sich auch für die Wirtschaft nicht viel ändern wird. BMW wird als wichtiger Investor die Insel sicherlich nicht verlassen. „Wir warten ab, was die Politik entscheide“, sagt Dr. Thomas Becker. Trotz Brexit glaubt er an das Automobilland Großbritannien. „Die Briten müssen überhaupt erst einmal den Antrag stellen, legislativ kann sie die EU nicht zwingen, auszutreten“, erklärt Europapolitiker Piper. Er wird die wirtschaftsliberalen britischen Stimmen im Europaparlament vermissen. „Ohne die Briten wird es weniger wettbewerbsorientierte Wirtschaftspolitik in der EU geben“, prognostiziert der EU-Abgeordnete. Ob dann ein Freihandelsabkommen wie TTIP in der EU durchzusetzen sei, bezweifelt er.

EU neu definieren

Der Austritt Großbritanniens werfe die Frage nach der Zukunft der EU auf, gibt Dr. Jürgen Helmes zu bedenken. „Nach dem Zweiten Weltkrieg schuf die ‚ever closer union’ Frieden und Stabilität in Europa. Die ältere Generation weiß das noch. Doch wie können wir junge Leute heute für die europäische Gemeinschaft begeistern?“ EU-Politiker Pieper sieht zweierlei. Zum einen müssten die Erfolgsgeschichten der EU gezeigt werden. Als Beispiel nennt er Spanien, das nach einer restriktiven und ungeliebten EU-Rettungspolitik heute die Folgen der Finanzkrise überwunden habe. Zum anderen müsste die EU neu definieren, was ihre Kernthemen sind und was nicht. Hier kann sich Pieper mehr Volksbeteiligung vorstellen. Das könnte die EU-Bürger ins Boot holen. „Vielleicht gibt es dann auch eine bessere Wahlbeteiligung bei der Europawahl“, wünscht er sich.

Wirtschaftliche Folgen gering

Wenige Stunden vor dem Sommerempfang informierte Dr. Ulrich Hoppe von der AHK London beim Länderworkshop ostbayerische Unternehmensvertreter über die Lage im Land. Im Ausgang des Brexit-Referendums sieht er eine Abwahl des Establishments im Land. „Aufgrund seines Import-Überschusses wird Großbritannien aber in jedem Fall ein Interesse daran haben, mit den EU-Ländern Handel zu treiben“, sagt der Experte. Deutschland ist das wichtigste Einfuhrland für die Briten überhaupt.

Trotz der zu erwartenden politischen Umwälzungen geht Hoppe nicht davon aus, dass die Wirtschaft im Land einbricht. Sie wird langsamer wachsen, das Pfund wird schwanken. Für deutsche Exporteure bedeutet das erst einmal weniger Nachfrage und Wechselkursschwankungen. Es lohne sich dennoch, weiterhin in Großbritannien zu investieren. Zulieferbetriebe sollten prüfen, ob ihre Kunden auf lange Sicht mit Großbritannien planen. Zwar wird es keinen Exodus internationaler Konzerne von der Insel geben, aber die Frage nach dem Nutzen neuer Investitionen stelle sich schon.

Großbritannien sehe sich nun in der „splendid isolation“, einer glückseligen Insellage. Dennoch sieht Hoppe das Land beim Blick in die Glaskugel in fünf bis zehn Jahren als einen „assoziierten EU-Partner“. Es wird aus seiner Sicht mehr oder weniger die gleichen Rechte und Pflichten im Verhältnis zur EU geben, zum Beispiel keine Zölle, aber Transferleistungen aus London nach Brüssel.

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