Weser Kurier: VW fährt Motoren-Produktion zurück
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In der Krise zeigt sich VW-Aufsichtsratsmitglied Olaf Lies demonstrativ solidarisch mit dem in Schieflage geratenen Wolfsburger Weltkonzern. „Keep calm and love VW“, heißt es auf dem Profilfoto des Whatsapp-Kontos von Niedersachsens Wirtschaftsminister – Ruhe bewahren und VW schätzen. Hehre Worte, denn genau das fällt Millionen von Autobesitzern beim skeptischen Blick unter die Motorhaube ihres Volkswagens zurzeit etwas schwer. Auch die weltweit 600 000 Mitarbeiter dürften sich fragen, wie es weitergeht. Denn im Skandal um manipulierte Abgas-Messwerte droht Ungemach von allen Seiten – mit ersten Konsequenzen für Produktion und Jobs.

Im Motorenwerk Salzgitter wurde erstmals die Produktion zurückgefahren, die Finanztochter Volkswagen Financial Services verhängte bis zum Jahresende einen Einstellungsstopp. Der mächtige VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh warnte bereits davor, die Mitarbeiter dürften am Ende nicht die Zeche für das zahlen, was Manager angerichtet hätten. Beim Zusammenfegen des Scherbenhaufens wollte am Mittwoch das Präsidium des VW-Aufsichtsrates erste Schlüsse aus einem internen Zwischenbericht beraten. Daneben dürfte es um weitere Akzente für den Neuanfang gehen. Der Konzern soll, wie bereits vor dem Skandal beschlossen, umgebaut werden, es soll außerdem einen Wandel in der Firmenkultur geben.

Es geht aber auch um wichtige Personalfragen. So gehen die Meinungen innerhalb des fünfköpfigen Gremiums zur Zukunft des bisherigen VW-Finanzchefs Hans Dieter Pötsch auseinander. Während die Anteilseigner-Familien Porsche und Piëch – vertreten im Gremium durch Wolfgang Porsche – dem Vernehmen nach weiter an Pötsch als Nachfolger von Ferdinand Piëch an der Spitze des Aufsichtsrates festhalten, gibt es beim Land Niedersachsen offenbar wieder Klärungsbedarf.

Bei den Beratungen dürfte es daher vor allem auf die Positionierung des Interims-Vorsitzenden des Gremiums, den früheren IG-Metallchef Berthold Huber, ankommen. Aber auch VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh und sein Vertreter Stefan Wolf haben in den Beratungen ein Wort mitzureden. Die Nachfolge von Piëch schiebt das Gremium bereits seit dem Frühjahr vor sich her. Der VW-Patriarch Piëch hatte damals einen internen Machtkampf mit dem über die Abgas-Affäre gestolperten VW-Chef Martin Winterkorn verloren und war zurückgetreten.

„Der Aufsichtsrat und das Management sind voll arbeitsfähig. An dieser Stelle besteht kein Zeitdruck“, hatte Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil (SPD) noch Ende April betont. Nun heißt es seitens gut informierter Konzernkenner, dass sich diese „zu zögerliche Entschlossenheit“ rächen könnte. Denn auch ohne diese vakante Toppersonalie wäre die Krisenbewältigung schon schwer genug; ein fest im Sattel sitzender Aufsichtsratschef könnte zudem helfen, die Krise besser zu meistern.

In der „größten Bewährungsprobe der Unternehmensgeschichte“ – so der neue VW-Chef Matthias Müller – befindet sich der einst so selbstbewusste Weltkonzern unter Zeitdruck. Bis zur Betriebsversammlung am kommenden Dienstag in Wolfsburg will die neue Führung erste Pflöcke eingeschlagen haben.

Unterdessen geht das große Stühlerücken im Topmanagement weiter. Das Personalkarussell befindet sich in vollem Schwung, sagen Insider – jeder justiert sich gerade neu. Dass ein knappes Dutzend Topmanager beurlaubt wurde, gilt als sicher – offizielle Bestätigungen für diese internen Vorgänge gibt es von VW aber nicht.

Der Abgas-Skandal wird unterdessen rund um den Globus zunehmend zum Fall für die Justiz. Auch Brüssel reagiert: Noch in dieser Woche wollen die zuständigen EU-Minister beraten. Neben neuen Gesetzen zur Abgasmessung könnte auch ein teurer Prozess auf VW zukommen. CDU-Europaabgeordneter Markus Pieper: Auch wenn die „Fehler einer kleinen Gruppe im Konzern“ nicht der EU angehaftet werden können, so hat sie doch mit dazu beigetragen, einen solchen Skandal überhaupt zu ermöglichen. Wenn die Union ihr Saubermann-Image in Sachen Klimaschutz nicht verlieren will, wird eine Gesetzesvorlage für realistischere Testbedingungen also nicht ausreichen. In der Kommission prüft man deshalb bereits, ein Verfahren gegen VW einzuleiten.