Münsterländische Volkszeitung: 70 Jahre CDU Rheine – „Leute hatten von Politik die Nase voll“
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Paul Nienhaus

RHEINE. 70 Jahre CDU in Rheine: Wenige Tage vor dem Jahrestag 25. August, an dem 1945 in der Gaststätte Hölscher zunächst die „Christlich Demokratische Partei“ gegründet wurde, kamen am Mittwochabend die Rheiner Christdemokraten im Stadtparkrestaurant zusammen. Gemeinsam mit fünf Zeitzeugen, die sich an ganz unterschiedliche Epochen und Meilensteine aus sieben Jahrzehnten CDU erinnerten, ließ man die Geschichte unter Moderation von Franz Greiwe Revue passieren. Die Veranstaltung war Auftakt einer Reihe, die sich bis Dezember erstreckt.

CDU-Stadtunionsvorsitzender Norbert Kahle betonte in seiner Begrüßung: „Wir, die Christdemokraten, waren es, die das Gesicht unserer Stadt nach dem Krieg ganz wesentlich geprägt haben.“ Und dass die Anfänge nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Jahr 1945 mehr als bescheiden waren, dafür legte der langjährige CDU-Kreisgeschäftsführer Franz Abels Zeugnis ab: „Deutschland lag in Trümmern, und die Leute hatten von Politik die Nase gestrichen voll“, schilderte Abels, der selber 1946 aus der Kriegsgefangenschaft nach Rheine zurückkehrte.

Trotz dieser Grundstimmung fanden sich schon in den ersten Nachkriegstagen Menschen aus dem Umfeld der christlichen Gewerkschaften und der früheren Zentrumspartei in Emsdetten und Rheine zu ersten Gesprächen zusammen, in denen sondiert wurde, welche Möglichkeiten es zur Gründung einer christlichen Parteil geben könnte.

Dabei machten es die Briten als Besatzungsmacht den Gründern durchaus schwer. „Die damals in London gerade an die Macht gekommene Labour-Regierung versuchte, die SPD nach vorne zu hieven“, erinnerte sich Abels, der selber während der Nazizeit zu einer von zwei Gruppen der Katholischen Jugend gehört hatte, die sich unter der Leitung von zwei Kaplänen, die viel riskierten, im Verborgenen trafen.

Heinrich Theil, viele Jahre lang CDU-Vorsitzender, Stadtrat und Kreistagsabgeordneter, berichtete von seinem Vater, der in der Nachkriegszeit ebenfalls zum Kreis der CDU-Gründer gehörte und später auch den Entnazifizierungsausschuss in Rheine leitete. Heinrich Theil selber wuchs somit in die politische Arbeit hinein, mit der er während der 1960er und 1970er Jahre Akzente setzte.

Der langjährige Kreistagsabgeordnete Franz-Josef Achterkamp aus Mesum war als Zeitzeuge zum Kreis geladen worden, weil er sich viele Jahre lang europapolitisch engagiert hat. Er erinnerte an die Gründung der Euregio im Jahr 1965 in Rheine.

Der frühere stellvertretende Landrat Hubert Scharf, ein gebürtiger Schlesier, berichtete davon, wie er als jugendlicher Heimatvertriebener den Weg in die Politik gefunden habe. „Der damalige Kaplan Hüls aus Neuenkirchen holte uns zu politischen Diskussionen quasi von der Straße weg“, erinnerte er sich, wie er den Weg in die Junge Union und in die CDU fand. Seine politischen Blütejahre erlebte er in den turbulenten Jahren rund um die kommunale Neugliederung 1975, bei der es heftige Debatten gab. „Damals hat die CDU manche Zerreißprobe erlebt, aber alles prima überlebt“, lautete sein Fazit.

Der ehemalige CDA-Vorsitzende Alfred Uphaus rundete schließlich den Reigen der Zeitzeugen ab, indem auch er an die spezifischen Anfänge der Rheiner CDU erinnerte: „Viele führende Leute kamen aus den christlichen Gewerkschaften“, sagte er und nannte als Beispiel den späteren Europaabgeordneten Georg Pelster, der zu den führenden Figuren beim Aufbau der Christdemokratie in der Emsstadt gehörte.

Zum Geburtstag der Rheiner CDU kamen auch der Bezirksvorsitzende, Staatssekretär Karl-Josef Laumann, und der Europaabgeordnete Markus Pieper. Während Laumann in seinem Grußwort auf das christliche Menschenbild abhob, das sich in den vergangenen 70 Jahren als geeignete Grundlage für die Organisation einer Gesellschaft erwiesen habe, hielt Pieper ein eher nachdenkliches Referat über die aktuellen Probleme der Europapolitik. Er schlug dabei einen weiten Bogen von der Flüchtlingsproblematik bis hin zur Griechenlandhilfe.

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